• Author:Ralf
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„Was passiert, wenn ich den Faden verliere? — Nichts!“


Alleine auf einer Bühne, und dann muss man etwas sagen. Vielen Menschen macht diese Vorstellung Angst. Die Fernsehjournalistin Judith Wolters bereitet unsere Sprecher auf ihren Auftritt vor. Wir haben
 sie gefragt, was man gegen die Nervosität machen kann und sie gebeten, fünf Tipps zu geben, die jeder für seinen Vortrag nutzen kann.

 

Judith, was machen Anfänger auf der Bühne falsch?

Der häufigste Fehler ist: Wenn jemand eine Rede oder einen Vortrag vorbereitet, dann macht er sich unglaublich viele Gedanken über den Inhalt, überlegt sich einen Text, formuliert ihn und lernt ihn auswendig. Aber so gut wie niemand denkt darüber nach, was er während des Vortrags mit seinem Körper anstellt.

Dein erster Tipp wäre also?

Es ist wichtig, sich Gesten zu überlegen, die zu dem passen, was man sagen möchte.

Wie findet man die?

Indem man sich bewusst macht, wie man spricht. Wir verwenden im Alltag ständig Gesten. Nur sobald wir auf einer Bühne stehen, vergessen wir sie. Und daran muss man arbeiten. Das kann man üben. Man kann testen, mit welchen Gesten man sich wohlfühlt. Und man kann sich natürlich auch Gesten abschauen, die andere Menschen in ihren Vorträgen verwenden. Sie müssen nur passen.

Und wenn sie nicht passen?

Sobald das, was du sagst, nicht zu dem passt, was dein Körper macht, merkt man als Zuschauer das sofort und denkt sich: Hmm, was’n da los? Lügt der? Denkt der sich nur was aus? Ist der nur nervös? Das funktioniert nicht. Ich kann sagen: „Sag mir nur Bescheid, ich helf dir sofort“ — und mit den Händen in der Tasche das Gegenteil ausdrücken. Das funktioniert nicht.

Hände in den Taschen — ist das ein so häufiger Fehler? 

In den Taschen nicht, aber viele lassen die Hände hängen. Und das wirkt unbeteiligt und gelangweilt. Wenn jemand mit hängenden Schultern sagt: „Das war total faszinierend. Ich fand das supertoll“, dann glaubt dem das keiner. Die Körperspannung muss da sein. Man muss merken, dass jemand Lust hat, den Leuten etwas zu erzählen. Der Zuschauer sieht sofort, ob das der Fall ist.

Worauf kann man denn achten, um Gesten richtig einzusetzen?

Zum Beispiel auf die Dosierung. Das wäre mein zweiter Tipp: Gesten brauchen Zeit. Es ist also besser, sie langsam einzusetzen. Und es ist wichtig, Pausen zu machen. Man kann mit Gesten ja auch das Tempo regulieren oder beschleunigen. Gesten geben den Rhythmus vor.

Wie findet man ein gutes Tempo?

Dass Menschen in Vorträgen zu langsam sprechen, kommt eigentlich selten vor. Die meisten reden zu schnell. Man ist im Stress. Man steht da oben. Alle Augen richten sich auf einen. Die Leute haben eine riesige Erwartungshaltung. Man hat das Gefühl: Es muss jetzt ganz schnell gehen. Und man möchte eigentlich nur, dass diese Situation endet, man aus diesem Stress herauskommt und die Last abfällt. Also beeilt man sich. Aber das ist natürlich Quatsch, denn eigentlich braucht man Ruhe und viel Zeit, um etwas Interessantes erzählen zu können. Ein guter Tipp ist also meistens: langsamer sprechen.

Aber so leicht ist das ja offenbar nicht.

Das stimmt. Man muss üben, die Ruhe auszuhalten — es ertragen, dass es zwei, drei Sekunden total still ist und niemand redet.

Gibt’s da eine Übung?

Ja, man muss sich mit der Situation vertraut machen. Sich zu Hause einsperren, das immer wieder üben und sich immer wieder überlegen: Was passiert, wenn ich jetzt den Faden verliere?

Was passiert denn dann?

Nichts. Das ist es ja. Dann fang ich einfach ein bisschen später wieder an zu sprechen. Das stört niemanden. Das fällt den Zuhörern gar nicht auf. Aber wenn ich nervös werde, weil es eine Sekunde ruhig ist und ich anfange rumzufuchteln, das merken die Zuschauer sofort. Also einfach merken: Ruhe zulassen.

Also gut. Gesten überlegen. Gesten dosiert einsetzen. Das sind die ersten beiden Tipps. Was wäre dein dritter?

Man braucht einen festen Stand. Am besten steht man so, dass man die Hände frei hat und nicht so schnell umkippt.

Woran merkt man, dass man sicher steht?

Im Theater übt man das. Während man eine Rolle spielt, kommt jemand vorbei und schubst einen. Kippst du dann um, hast du nicht richtig gestanden. Also während du deine Rede vorträgst, einfach mal jemanden bitten, unverhofft von hinten oder von der Seite einen kleinen Schubs zu geben. Wenn du sofort schwankst, dann warst du nicht fest in der Mitte deines Körpers. Und wenn du das bist, hast du auch die Arme frei und die Kraft, mit den Armen was zu machen und dich auf den Rest zu konzentrieren. Wenn du aber wie ein Tiger hin und her tigerst, machst du nichts anderes mehr, denn dann bist du ja schon mit Tigern beschäftigt.

Was ist dein vierter Tipp?

Spaß haben. Einfach unglaublich viel Spaß haben, denn auch das merken die Leute. Einfach irgendwann alle Bedenken über Bord werfen und sagen: Ich hab jetzt ganz viel vorbereitet. Ich weiß genau, was ich sagen will.  Ich hab ganz viel geübt, und jetzt geh ich da oben auf diese Bühne und nutze die Chance, etwas sagen zu können, was mir am Herzen liegt, und es hören alle gerne zu.

Und das machen viele falsch?

Ja, ich glaube, sie haben doch zu viele Bedenken — das könnte andere nicht interessieren, es ist nicht spannend genug. Aber ein guter Rat ist: Diese Bedenken einfach über Bord werfen.

Dein letzter Tipp?

Viele kämpfen mit Nervosität. Sie flattern, sie schlottern, und in so einer Situation ist es immer gut, sich zu bewegen. Nicht den Aufzug nehmen, sondern die Treppe. Laufen, denn so baut man Adrenalin ab.

Aber dann ist man außer Atem.

Na, so viel laufen sollte man dann auch wieder nicht — vor allem nicht zwei Minuten vor dem Vortrag. Das macht man besser zehn Minuten davor.

Und wie hilft man sich in den letzten Minuten?

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen komisch, aber es ist wirklich eine große Hilfe, wenn man sich ein paar Minuten vor dem Auftritt aufs Klo zurückzieht, in den Spiegel schaut und sich einfach debil angrinst.

Wozu ist das gut?

Du hast Muskeln in deinem Gesicht, und die signalisieren deinem Körper auch in so einer Situation: Die hat gerade Spaß. Sie lacht ja. Deine Muskeln wissen nicht, dass das nur eine Grimasse ist. Und wenn deine Nerven und deine Muskeln dieses Signal aussenden, schüttet dein Körper die passenden Hormone dazu aus. In dem Moment bist du wirklich besser drauf. Und mit dieser positiven Energie gehst du dann auf die Bühne.

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