• Author:Ralf
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Gute Ideen gibt’s nur da, wo schlechte erlaubt sind

Mit den Einfällen ist es ein bisschen wie mit dem Hausschlüssel, der doch eigentlich irgendwo sein müsste. Man sucht stundenlang, und sobald man verzweifelt mit der Suche aufgehört hat, weiß man plötzlich wieder wo er lag. Ideen sind unkalkulierbar. Einfach nicht zu finden und dann plötzlich einfach da. Wann genau, kann vorher niemand sagen. Aber das Gute ist: Man kann etwas nachhelfen. In unseren Ideen-Workshops üben wir das.

Donnerstagnachmittag. Ein Konferenzraum beim Bankdienstleister Fiducia GAD, dem Hauptsponsor der TEDxMünster. Große Fenster, Teppich, vier Flipcharts, die 20 Teilnehmer verteilen sich auf vier Tische.

Mir gegenüber sitzt Frank, 38, IT-Architekt. Daneben Jens, 44 Jahre alt, Projektmanager, und Martina, 35, aus dem Innovations-Team. Vor uns drei Zettel. Auf einem steht „Lastenfahrrad“, auf einem anderen „Programmierung“ und auf dem dritten: „Pascal, 26 Jahre alt, hat gerade ein BWL-Studium abgeschlossen und sucht jetzt: eine Stelle, einen Lebensentwurf, eine Partnerin.“ Das ist die Aufgabe. Daraus soll eine Geschäftsidee werden. Aber wie?

Ratlose Blicke auf die Zettel. Und zuallererst die Frage: „Wer ist überhaupt Pascal?“ Ist das der, der unsere Idee kaufen wird? Oder soll er sie anbieten? Wir sehen schon selbst: Pascal sucht nicht nur einen Lebensentwurf, sondern auch einen Job. Es kann also beides sein. Das macht die Sache leider nicht einfacher.

Eine Viertelstunde, dann sollen wir fertig sein. Aber wie gehen wir vor? Und vor allem: Wo fangen wir an?

Ein typischer Fehler

Erst mal alles auf den Tisch werfen. Spontane Ideen. Ein bisschen Fantasieren. Nichts filtern. Und da hört die erfolgreiche Suche ja leider oft auch schon auf. Typischer Fehler: Niemand mag etwas Dummes sagen, also sagt auch niemand etwas Mutiges. Und so findet man nur Bekanntes.

Also in etwa so. Ein Lastenrad. Man könnte was transportieren. Nur was? Pizza? Getränke? Gibt’s schon. Aber ein Currywurst-Bringdienst? Wäre das nichts? Vielleicht. Aber auch das wäre ein Bringdienst. Und das ist nicht so richtig neu. Was nun?

„Auf dem Lastenrad können ja auch zwei sitzen. Und der sucht doch auch eine Frau“, sagt einer.

„Mobiles Candlelight-Dinner vielleicht.“

Flugzeug auf Flipchart

So kommen wir weiter, einen kleinen Schritt weg vom Bekannten und Erprobten. Und da wollen wir hin. Malen wir die Idee also auf ein Flipchart. Visualisieren. Dinge greifbar machen. Zusammenhänge herstellen, die erst nicht zu erkennen waren. Auch das ist eine Technik.

Ein Blick rüber zum Nebentisch. Die Aufgabe dort: „Ina, 36, zwei kleine Kinder, arbeitet halbtags, hat es gerne bequem“, „Auto“ und „Dienstleistung aus dem Bereich Tourismus“. Das sind hier die Parameter. Gerade haben sie ein Flugzeug auf ihr Flipchart geklebt. Das Fahrrad auf unserem zieht einen Anhänger hinter sich her, und der sieht etwas seltsam aus.

„Hat etwas Ähnlichkeit mit ’ner Drehorgel.“

„Könnte auch einer drinsitzen.“

„Er oder die Frau?“

Das wäre der Moment, um zu sagen: „Lasst uns hier mal nicht rumalbern. So kommen wir ja gar nicht weiter.“

Schlechte Ideen können gut sein

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Das Ungewöhnliche versteckt sich dort, wo das vernünftige Denken aufhört. Oft führen erst neue Assoziationen zu interessanten Ideen. Und das können auch Witze sein – oder schlechte Einfälle, aus denen sich doch gute Anknüpfungspunkte ergeben. Oft ist Rumalbern ein sehr effizienter Weg, um gute Ideen zu finden. Und wenn Lachen ein guter Indikator ist, gelingt der Gruppe links neben uns gerade was ziemlich Gutes.

Fünf Minuten noch. Wir bräuchten langsam einen Einfall. Das Lastenrad, ja. Was könnte man darauf transportieren? Einkäufe? Irgendwas für ältere Menschen? Bestellungen per Smartphone? Nee, das ist auch nix. Oder doch? Anderer Ansatz vielleicht. Unser Uni-Absolvent sucht ja auch einen Lebensentwurf. Probieren wir es doch mal so.

„Der fährt mit seinem Fahrrad übers Land. Wenn irgendwo Hilfe gebraucht wird, kann man ihn buchen.“

„Und für was?“

„Für alles Mögliche.“

„Alles, wo er helfen kann.“

„Er könnte dann auf ’ner Website drüber berichten.“

„So als mobiler Reporter.“

„Als Hausmeister-Reporter.“

Die Viertelstunde ist vorbei

Die Frage wäre natürlich, ob er das überhaupt will – als BWL-Absolvent. Doch das können wir nicht mehr klären. Die Viertelstunde ist vorbei. Wir müssen zugeben: So richtig marktreif ist die Geschäftsidee nicht. Aber so ganz geht mir das mobile Candlelight-Dinner nicht aus dem Kopf. Und das ist ja auch ein häufiger Effekt der Ideensuche: Man findet nicht das, was man gesucht hatte, aber dafür etwas anderes.

Schauen wir mal, was die anderen sich überlegt haben. Vorn stehen vier Flipcharts. Jede Gruppe hat zwei Minuten, um ihre Idee vorzustellen. Was ist zum Beispiel aus „der Dienstleistung im Bereich Tourismus“ geworden?

„Wir machen eine App. Eine Mischung aus Uber und Tinder. Wir vermitteln auf Reisen Männer und Frauen mit Autos – für gemeinsame Unternehmungen. Die können dann gleich testen, ob sie zusammen passen.“

Männer ohne Smartphone-Affinität

Die Idee muss wie unsere wohl auch noch etwas ausreifen. Aber was war mit der lachenden Gruppe von Nebentisch? Auf deren Flipchart steht das Wort „Stress“. Das Thema war: Entspannung. Zielgruppe: Männer ohne Affinität zum Smartphone. Und?

„Wir fahren Männer am Wochenende zu Gebäuden. Da stehen dann Bagger, und auf denen können sie sich dann so richtig austoben und, wenn sie wollen, alles kaputtmachen.“

Am Geräuschpegel ist schon zu erkennen. Würde jetzt abgestimmt, das wäre wohl der Gewinner, denn ganz unabhängig davon, ob die Idee funktionieren würde, sie ist ungewöhnlich, vielleicht sogar gut. Man müsste es ausprobieren.

Bliebe vielleicht noch eine Frage. Wie sind sie darauf gekommen. Und das scheint tatsächlich doch relativ leicht gewesen zu sein.

„Wir haben uns gefragt: Was würde Chuck Norris machen? Und na ja, wahrscheinlich genau das.“

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